Hafenspitze

Stadtumbaugebiet Hafenspitze

 

Eckernförde wird Gästen gerne als „Stadt der kurzen Wege" vorgestellt und damit auf die reizvolle Verbindung von Innenstadt, Hafen und Badeleben am Strand verwiesen.

Als Hafenspitze oder auch als Hafenkopf wird eine ca. 1,5 ha große Fläche bezeichnet, die zwischen Gewerbe, Hafen und der Marina angesiedelt ist und aufgrund von Größe und Lage als Herzstück des oben angedeuteten Rundlaufes bezeichnet werden kann. 

Es erstaunt, dass das Potenzial dieser Fläche erst spät erkannt und anfangs planerisch eher halbherzig behandelt wurde. Bereits 1975 wird die Umwandlung von hafennahen und gewerblichen Nutzungen als erster Bestandteil „erforderlicher Maßnahmen, die teils als Flächensanierung mit anschließender Neubebauung, teils als Modernisierung erfolgen müssen“ beschrieben. Die Räumung des bisher gewerblich genutzten Geländes zwischen Strand und Jungfernstieg wurde damit eingeleitet, ohne diese Konversion konsequent bis zur Hafenspitze durchzusetzen. 2011 wurde der letzte Gewerbebetrieb am Strand geschlossen und in das Industriegebiet Rosseer Weg verlagert, die Gewerbehallen an der Hafenspitze wurden aber weiterhin als Getreidelager verpachtet.

Die hochwertigen, wassernahen Flächen östlich des Jungfernstieges wurden dann einer Wohnnutzung zugeführt und gemäß der Satzung des Bebauungsplanes 4/7.1 vom 29.11.1973 und 1. Änderung vom 30.11.1981 bebaut. Abgeschlossen wurde diese Entwicklung durch den Bau eines Parkhauses zur Aufnahme des ruhenden Verkehrs. 

Während die Verfügbarkeit der dazu erforderlichen Flächen durch großzügige Förderung des Landes schnell gegeben war, zeigte sich in der nördlich angrenzenden Fläche der Hafenspitze bis in jüngster Zeit ein anderes Bild: Ungepflegte Lagerhallen und ungeordnete Abstellflächen für die Schifffahrt und Behelfsgebäude u. a. für das Ostsee-Informations-Center, zeigten ein unansehnliches Durcheinander auf städtischen Flächen, die aufgrund langfristiger Erbbauverträge nicht im Zugriff der Stadt lagen. Der Rahmenplan „Innenstadt“ von 1986 zeigt in aller Schärfe, wie hier die Sonderfläche Hafen und die angrenzenden Wohngebiete unvermittelt gegenüber stehen. Beispielhaft lassen sich an dieser Situation die Probleme und Bedenken schildern, die bei einer planerischen Neuordnung abgewogen werden müssen:

 

  • Aufgabe charakteristischer Funktionen und baulicher Anlagen als Handelsplatz und Fischereihafen?
  • Einschränkung der Hafennutzung und Aufgabe/Verlagerung der Veranstaltungsfläche aufgrund der rechtlich zulässigen Emissionen?   
  • Entwicklung neuer Strukturen im Sinne einer Rendite-Erwartung und/oder Multifunktionalität als Jahrzehnte langes Provisorium?
  • Lässt sich „Stadt" im Sinne einer urbanen Struktur an einer Stelle bauen, die bisher nicht Teil der bebauten Innenstadt war?

 

Die ab 1999 mit einem Investorenwettbewerb einsetzenden Überlegungen zu einer Umstrukturierung der Hafenspitze ließen von Anfang an grundsätzlich unterschiedliche Ausgangssituationen der Zielplanung zwischen Investoren und der Stadt erkennen. Die von Investorenseite ins Blickfeld genommenen Flächen für eine hochwertige Wohnbebauung stehen dem kommunalen Wunsch nach einer uneingeschränkten Nutzung des Gewerbe- und Freizeithafens zunächst diametral gegenüber. Gesucht wurde eine städtebauliche Qualität, die dieses Spannnungsfeld, aber auch weitere Einschränkungen einer Neubebauung, z. B. in der Frage der Besonnung, der Aussicht und der Erschließung etc., als Herausforderung sieht und im Sinne eines für diesen Standort adäquaten Stadtbildes umsetzt. Mehrere Ansätze, die einerseits auf städtischer Seite einen zu engen Rahmen einer Neubebauung vorgaben bzw. auf Investorenseite zu große monofunktionale Nutzungen vorsah, mussten ergebnislos abgebrochen werden.

Die ab 2006 einsetzende Welle von Vorschlägen aus der Öffentlichkeit und von Architekten zeigten Wege auf, die „Stadt“ an dieser Stelle neu zu definieren und dafür entsprechende Formen zu finden.

Die Auseinandersetzung und Bewertung vieler unterschiedlicher Entwürfe führte zur Formulierung der folgenden Leitsätze:

 

  • Die städtebauliche Neuordnung soll die hafenseitigen Flächen und das Parkhaus umfassen.
    Dies wurde durch Rückkauf der Erbbauflächen (ehemals Getreidelagerhallen) eingeleitet. 
  • Es soll ein Nutzungsmix von städtischen und gewerblichen Funktionen und Flächen zur Stärkung des Tourismus angestrebt werden. 
  • Die Ausweisung von Einzelhandel muss entsprechend dem Monitoring gemäß Einzelhandelskonzept in einem ausgewogenen Verhältnis zum Angebot der Kieler Straße stehen.   
  • Der öffentliche Raum muss in das strukturelle Geflecht von Promenaden, Straßen und Wegen eingebunden werden.
    Die Gliederung des neu entstehenden Quartiers muss weiterhin eine einfache Orientierung zwischen Innenstadt und Hafenkopf zulassen bzw. unterstützen. 
  • Der gestalterische Ausdruck muss sowohl die Kleinteiligkeit der Altstadt als auch im großen Maßstab die Prägung der neuen Skyline wasserseitig berücksichtigen. 
  • Die Formen der neuen Gebäude sollen als zeitgenössische Architektur bewusst abgesetzt von der Altstadt erkennbar sein. 

Die Auswahl unter diesen wirtschaftlichen, städtebaulichen und gestalterischen Prämissen wurde von den Ratsmitgliedern im Zeitraum 2007 - 2008 so getroffen, dass schließlich zwei Projekte zur Endauswahl standen, die die genannten Kriterien erfüllen, aber sehr gegensätzlich gestalterisch lösen.

Die Arbeit des Teams Züblin/Heidtmann verfolgt die Idee einer Großform in Anlehnung hafentypischer Maßstäbe. Es entstehen große zusammenhängende Flächen, die nur durch wenige öffentliche und halb-öffentliche Achsen gegliedert werden. Das Leitthema ist der Gedanke, an dieser Stelle diese Flächen als eigenen Stadtteil deutlich von der Altstadt - im Sinne einer mittelalterlich gewachsenen Stadt - abzugrenzen. 

Die Arbeit der Gruppe Penta/Rimpf schlägt den sich anbietenden anderen Weg ein, durch Weiterführung und Vernetzung öffentlicher Räume eine Anordnung von Baugruppen vorzunehmen, um „Stadt“ in zeitgenössischer Architektur an dieser Stelle weiter zu entwickeln.

Die Aufnahme des Bredenbekganges und die Weiterführung der Baumallee Jungfernstieg bindet die städtebauliche Struktur in das Umfeld ein. Es entstehen ablesbare Quartiere, die anders als die riegelartige, sich südlich anschließende Neubebauung im Jungfernstieg die Innenstadt nicht von der Wasserseite abschotten, sondern ergänzen.

Das Bebauungskonzept wurde der Öffentlichkeit erläutert und zur Grundlage des Bebauungsplanes gemacht. Die Aufstellung des Bebauungsplanes Nr. 60 "Jungfernstieg Nord" – Hafenspitze“, zugleich 2. Änderung des Bebauungsplanes Nr. 4/7.1 "Jungfernstieg Ost" wurde am 07.02.2008 beschlossen. Bereits vorher wurde eine Lenkungsgruppe eingesetzt, die die nähere Ausformulierung der mit dem Bebauungsplan verbundenen kommunalen Ziele präzisieren sollte. In einem städtebaulichen Vertrag wurde dann im Einzelnen festgelegt: 

  • Wohnnutzung für dauerhaftes Wohnen, wobei im Mischgebiet 6 eine Begrenzung der Flächen auf 2.150 m² Bruttogeschossfläche (Wohnbebauung) erfolgt,
  • Wohnnutzung für nicht dauerhaftes Wohnen in einer Größenordnung von max. 750 m² Bruttogeschossfläche,
  • Wohnnutzung für gewerbliches Wohnen (Boardinghouse),
  • Einrichtungen zum Betrieb einer Bühne mit dazugehöriger Technik,
  • Serviceeinrichtungen Hafen (Hafenmeisterbüro) mit ca. 15,0 m² Nutzfläche),
  • Öffentliche WC-Anlage incl. Seglerduschen, Umkleide- und Sozialräume sowie Behinderten-WC mit einer Nutzfläche von ca. 42 m²,
  • Mieträume für Segel- und Tauchschule innerhalb der Gewerbeflächen,
  • Gastronomie, wovon mindestens 450 m² Bruttogeschossfläche im Bereich des Sondergebietes Beherbergung/Ferienwohnungen (Boardinghouse) anzusiedeln sind,
  • Einzelhandel mit Geschäften des gehobenen Bedarfs sowie der hafenbezogenen und touristischen Versorgung im Zusammenhang mit anderen Nutzungen (nicht als freistehender Baukörper).

Die Ausführung erfolgt in Bauabschnitten. Mit dem 1. Bauabschnitt wurde Mitte 2013 begonnen. Der 3. und letzte Bauabschnitt soll Ende 2017 abgeschlossen sein.  

Innerhalb der letzten 10 Jahre sind weitere Bauvorhaben im Umfeld der Hafenspitze ausgeführt worden, die zum Gelingen des gesamten Stadtumbauprojektes beitragen werden. In erster Linie ist dies der Neubau des Ostsee-Info-Centers, das bereits einen festen Platz bei Eckernfördern und Gästen hat.

Aber auch der Wiederaufbau des Fischbistros an der Netzhalle, der Neubau der see- und hafenseitigen Promenaden im Zusammenhang mit der Neuschaffung von Veranstaltungsflächen und der Verkehrsberuhigung wichtiger innerstädtischer Zonen unterstützen die Verknüpfung von Innenstadt, Strand und Hafenumfeld.

Gleichsam als Kontrapunkt entwickelt sich ausgehend vom Binnenhafen in Richtung Noor ein neuer Stadtteil, der den westlichen Stadtrand in Zukunft prägen wird.

Das gemeinsame Motiv beider Stadtumbaugebiete ist das Herausarbeiten der einzigartigen Halbinsellage der Eckernförder Innenstadt.