op Platt

Eckernförde -
Umweltfreundliche Gemeinde
1988, 1992, 1996 und 2000

Die Stadt Eckernförde ist bislang die einzige Kommune, die schon viermal den Titel „Umweltfreundliche Gemeinde" erhalten hat. Die erste Bewerbung 1986 führte allerdings nur bis in die Endausscheidung, da sich zu diesem Zeitpunkt viele Maßnahmen noch in der Planungsphase befanden und noch nicht im Ergebnis vorgestellt werden konnten.

Die Anfänge

Eckernfördes ökologische Neuzeit begann mit der 1984 bis 1985 durchgeführten Umwelterhebung. Anders als in den bis dahin durchgeführten Umwelterhebungen anderer Gemeinden lag der Schwerpunkt nicht nur in der Bestandsaufnahme der landschaftsökologisch bedeutsamen Elemente, sondern auch in einer in konkrete Handlungsempfehlungen mündenden Bewertung und in detaillierten Empfehlungen zur zukünftigen Stadtentwicklung. Die erst 1982 beschlossene Neufassung des Flächennutzungsplanes wurde mit den Kartierungsergebnissen verglichen, wobei sich in 24 Fällen Konfliktpunkte ergaben. Für jeden einzelnen Konfliktpunkt wurden Bestand, Planung, Problem und Lösungsmöglichkeiten dargestellt. Hierbei wurde insbesondere deutlich, dass die geplante Stadterweiterung nach Norden als nicht landschaftsverträglich einzuschätzen war, da sie zur Überbauung einer vielseitigen, biotopreichen und gut vernetzten Kulturlandschaft geführt hätte. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass der konstante Einwohnerzuwachs des Mittelzentrums Eckernförde weitere Wohnbau- und Gewerbegebiete notwendig machte, wurde in der Umwelterhebung empfohlen, die Stadtentwicklung alternativ nach Südwesten voranzutreiben, wo ausgedehnte und biotoparme, gutswirtschaftlich geprägte Ackerflächen neben umweltschonender Bebauung die Möglichkeit einer landschaftsökologischen Aufwertung durch Schaffung neuer Grünstrukturen boten.

In Anbetracht der sehr weitgehenden möglichen Konsequenzen ließ der damalige Bürgermeister der Stadt durch die Verwaltung einen „Beschlussfahrplan" erstellen, der von 1985 bis 1987 durch die städtischen Gremien Schritt für Schritt abgearbeitet wurde, bis am 01.01.1988 wichtige Schlüsselflächen für die neue Stadtentwicklungsrichtung eingemeindet werden konnten und mit der Aufstellung eines Landschaftsplanes auf der Basis der Ergebnisse der Umwelterhebung begonnen wurde. Weiterhin stellte er den Bearbeiter der Umwelterhebung ein, um die Umsetzung der Empfehlungen in die kommunale Planung fachlich zu begleiten. Der nachfolgende Bürgermeister wertete diese Stelle später zur Abteilung für Naturschutz und Landschaftsplanung auf.

Entwicklung

Durch die Eingliederung des Bearbeiters der Umwelterhebung in die Stadtverwaltung konnten die Visionen zur ökologischen Stadtentwicklung über die verbindliche Bauleitplanung konkretisiert werden. Nachdem 1992 der Landschaftsplan und 1993 der die gleichen Ziele darstellende Flächennutzungsplan beschlossen wurden, konnten die Planungen für das erste Gewerbegebiet und das erste Wohnbaugebiet im Südwesten beginnen. Auch hierbei wurde ebenso verfahren wie bei der vorbereitenden Bauleitplanung: Zunächst erfolgte eine eingehende Bestandsaufnahme, aus der ein vorläufiger Grünordnungsplan mit Festlegung der Bauflächen und des Grünkonzeptes entwickelt wurde. Dieser wiederum war die Vorgabe für den Bebauungsplan, was spätere Probleme mit der Festlegung sinnvoller Ausgleichsflächen, wie sie von vielen Planungen im Lande bekannt sind, bereits im Ansatz vermied. Auch die frühzeitige Einbindung von Naturschutzverbänden und –fachleuten trug dazu bei.

Diese in Eckernförde entwickelte Planungs- und Kooperationskultur führte zu landschaftsplanerisch und bauleitplanerisch mustergültigen Ergebnissen, bei denen die numerische Eingriffs-/Ausgleichsbilanzierung aufgrund der frühzeitigen Heranziehung qualitativer Entscheidungskriterien nur noch, wie vom Gesetzgeber vorgesehen, eine nachrangige Kontrollfunktion hat.

Wer heute das Wohnbaugebiet „Domsland" oder das Gewerbegebiet „Marienthal" aufsucht wird feststellen, dass die umfangreichen Ausgleichsflächen vielfältige landschaftsökologische Funktionen erfüllen und gleichzeitig ganz erheblich zu einer Erhöhung des Wohnwertes beitragen. Besonders deutlich wird dies an der Regenwasserteichkette des Gebietes „Domsland".

Verkehrskonzept

Planungen und Vorhaben, die nicht auf landschaftsplanerischen Zielsetzungen basieren, müssen laut Dienstanweisung der Abteilung Naturschutz und Landschaftsplanung zur Überprüfung und Bewertung vorgelegt und - falls nötig - geändert werden. Meist werden jedoch Umweltbelange auch von anderen Abteilungen und Sachbereichen automatisch berücksichtigt. So wurde und wird das Verkehrskonzept der Stadt so entwickelt, dass das Radwegenetz das Straßennetz in der Gesamtlänge übertrifft und das Fahrrad über die meisten Distanzen das schnellste Verkehrsmittel ist.

Die Planung einer hochgradig landschaftsschädigenden Umgehungsstraße war bereits Ende der 80-er Jahre im Zuge der neuausgerichteten Stadtentwicklungsplanung abgelehnt worden. 

Renaturierung

Bereits als sich 1986 der Wille zur Umkehr in der Stadtplanung abzeichnete, also weit vor Inkrafttreten des Landschaftsplanes und des geänderten Flächennutzungsplanes, begann die Stadt Eckernförde auf verfügbaren Flächen mit einer Vielzahl von Renaturierungs- und Biotopgestaltungsmaßnahmen, immer nach dem Grundsatz, Eingriffe und Aufwand zu minimieren und der Natur nach einer „Starthilfe" die weitere Entwicklung zu überlassen. Spätere Kontrollkartierungen dienten der Erfolgskontrolle und als Entscheidungshilfe, ob nachträgliche, korrigierende Maßnahmen notwendig waren.

Der Erfolg der ökologischen Stadtentwicklungsplanung im Zusammenspiel mit Renaturierungsmaßnahmen zeigt sich besonders deutlich im Tal und Einzugsgebiet des Lachsenbaches. Dieser bedeutsame Grünkeil im nördlichen Stadtteil Borby wurde nicht nur vor Überbauung bewahrt, sondern erfuhr eine erhebliche Aufwertung seines Naturschutz- und Erholungswertes. Entrohrungen, Wiedervernässungen, Anpflanzungen und Initiierung von Sukzessionen gingen mit einer behutsamen Erschließung der Landschaft durch attraktive Wanderwege einher, die eine Lenkung der Erholungssuchenden weg von störungsempfindlichen Gebieten bewirken soll. Die beiden letzten in diesem Teil der Stadt realisierten Baugebiete sind entsprechend der sensiblen landschaftlichen Situation so konzipiert, dass von ihnen keine negativen Einflüsse auf das Lachsenbachsystem ausgehen.

Im Verlauf von 15 Jahren ist es gelungen, das früher zu etwa einem Drittel verrohrte oder     drainierte Gewässersystem mit Ausnahme des 150 m langen Mündungsabschnittes vollständig zu entrohren und wiedervernässen und zum Teil ausgedehnte randliche Schutzzonen einzurichten. Ein besonderer Attraktionspunkt in dieser Landschaft ist der vom Lachsenbach durchflossene Obere Eimersee, dessen Name auf seine Entstehung 1990/91 zurückgeht, als mit einem schlichten Mörteleimer die Rohrleitung verschlossen wurde und der Bach eine 1,5 Hektar große Senke wieder mit Wasser füllte und 3 Hektar Feuchtwiese mit vernässte. Der Obere Eimersee ist als Beispiel für eine extrem kostengünstige und hochwirksame Methode der Biotopanlage weit bekannt.

Außer im Lachsenbachtal wurden auch im gesamten übrigen Stadtgebiet Feuchtflächen wiederhergestellt, Nutzflächen unterschiedlichster Art renaturiert, Fließgewässer entrohrt und etliche Kilometer Knicks neu angelegt. Diese Maßnahmen erfolgten in enger Zusammenarbeit mit Qualifizierungsträgern wie dem Berufsfortbildungswerk und Pädal und den örtlichen Gruppen der Naturschutzverbände. Unter letzteren ist besonders der Naturschutzbund hervorzuheben, der die von der Stadt zu Naturschutzzwecken erworbenen, ausgedehnten Goosseewiesen betreut.

In das umfassende Renaturierungskonzept der Stadt Eckernförde gehört auch der Rück- bzw. Umbau nicht mehr genutzter Gewerbebauten. Bunker und Salzlagerhallen wurden zu Fledermauswinterquartieren umgestaltet, ehemals militärisch genutzte Hallen im Sandkruggelände wurden abgerissen und die Flächen zu einem Mustergelände für naturnahe Gartengestaltung entwickelt, und das Gelände einer großen Eisenwarenhandlung wurde zu einem Naturspielplatz mit Heckenlabyrinth, Kletterlandschaft und Wasserspielbereich.

Bauen

Dass neben Rückbauprojekten auch bei Neubauten die landschaftliche Einpassung ein entscheidendes Kriterium ist, zeigt sich in beispielhafter Weise an zwei am nordwestlichen Stadtrand errichteten Supermärkten mit Tankstelle: Entsprechend der Auflage der Stadt wurden die Gebäude mit den Rückseiten in den vorhandenen Hügel eingelassen, so dass sie von der Straßenseite gut sichtbar sind, von der freien Landschaft aber nicht, da der bewaldete Hügel direkt in die Gründächer übergeht. Gründächer werden in neueren Baugebieten für Carports und untergeordnete Gebäudeteile vorgeschrieben.

Der in Eckernförde zum Grundsatz gewordene Nachhaltigkeitsgedanke zeigt sich auch in der Nutzung von Biomasse in Form von gehächseltem Knickholz zur Wärmeversorgung von ca. 450 Wohneinheiten, in der Errichtung und Förderung von Solaranlagen, im Betrieb von Blockheizkraftwerken und einer Kompostierungsanlage, die neben Grünschnitt auch Seegras vom Kurstrand verwertet, und in zahlreichen Ratsbeschlüssen zum Verzicht auf Herbizide und Pestizide, zur ausschließlichen Verwendung von FSC-zertifizierten Tropenhölzern oder zum Schutz des Baumbestandes durch Satzung.

Auch als die Stadt im Gewerbegebiet Marienthal ein Gründerzentrum errichtete, standen ökologische Aspekte im Vordergrund: Im Technik- und Ökologiezentrum (TÖZ) werden junge Firmen aufgenommen, die sich im Bereich Ökotechnik, Landschaftsplanung oder verwandten Feldern etablieren wollen, während das Gebäude selbst passend dazu ein Demonstrations- und Erprobungsobjekt für Möglichkeiten ökologischen Bauens ist. Das TÖZ mit dem umgebenden Gewerbegebiet „Marienthal" und dem benachbarten Wohngebiet „Domsland" war unter dem Motto „Arbeiten, Wohnen und Forschen im Einklang mit der Natur" eines der externen Projekte der EXPO 2000.

Stellenwert

Um parallel zu den vielfältigen, ökologisch ausgerichteten Planungen und Maßnahmen das Bewusstsein hierfür in der Öffent-lichkeit zu entwickeln und zu stärken, unterstützt die Stadt Eckernförde die vom Verein Umwelt, Technik, Soziales e.V.  betriebenen Umweltbildungseinrichtungen UIZ (UmweltInfoZentrum) und OIC (OstseeInfoCentrum) und ist selbst Mitglied im „Verein zur Förderung der Umweltbildung in Eckernförde".

In der gesamten Zeitspanne von der Umwelterhebung bis heute hat das Thema Natur- und Umweltschutz bei den Entschei-dungsträgern seinen hohen Stellenwert unverändert behalten. Zu dieser Konstanz ökologisch orientierten Planens und Handelns hat sicherlich die Anerkennung der Leistungen Eckernfördes durch unabhängige Institutionen wie den Schleswig-Holsteinischen Heimatbund e.V. oder die Deutsche Umwelthilfe beigetragen. Die viermalige Verleihung des Titels „Umweltfreundliche Gemeinde" und der Titel „Bundeshauptstadt für Natur- und Umweltschutz 1994/95" bestätigten die Stadt auf ihrer Linie und hatten eine positiven Rückkoppelungseffekt auf die weitere Umweltarbeit in Verwaltung und den Gremien. Darüber hinaus verbreitete sich in der Folge der Preisverleihungen der Ruf Eckernfördes als umweltbewusste und dennoch nicht wirtschaftsfeindliche Stadt, somit als Wohnort, Wirtschaftsstandort und Urlaubsort mit außergewöhnlich hohem und stetig wachsendem Wohn- und Freizeitwert. Insbesondere in Japan und den USA wächst das Interesse an Eckernförde als vorbildlich ökologisch planender und handelnder Stadt. Zahlreiche Fachdelegationen aus diesen Ländern suchen Eckernförde zu Informationsbesuchen auf und in 5 japanischen Städten sowie in Washington und Boston wurden schon Vorträge über Eckernförde gehalten.

Auch zukünftig wird in der Stadt Eckernförde den Belangen von Natur- und Umweltschutz besondere Bedeutung zuge-sprochen werden, denn über die Notwendigkeit besteht parteiübergreifender Konsens, und die Erfahrung hat gezeigt, dass bei frühzeitiger und ernsthafter Berücksichtigung dieser Belange auch ohne großes Budget viel erreicht werden kann.